26.02.2016 Gerry Weber plant deutlichen Stellenabbau

Die Gerry Weber International AG reagiert auf eine „wirtschaftliche herausfordernde Situation“ mit einem drastischen Sparprogramm: Der Modekonzern will 710 Stellen abbauen, 200 davon am Firmensitz in Halle. Die Mitarbeiter wurden am Freitag in einer Betriebsversammlung informiert.

„Mich beschäftigt und bewegt das sehr“, sagte Vorstandschef Ralf Weber, der erst im vergangenen Jahr die Führung des Unternehmens von Firmengründer Gerry Weber übernommen hatte. Der Stellenabbau solle gemeinsam mit dem Betriebsrat so sozialverträglich und fair wie möglich gestaltet werden, kündigte er an. Finanzvorstand Dr. David Frink will den Personalabbau indessen „so schnell wie möglich durchziehen“. „Nicht aus Kostengründen“, wie er sagte, „sondern um Klarheit für die Mitarbeiter zu haben.“ Heißt: Zwei Drittel der Stellen sollen noch in diesem Geschäftsjahr abgebaut werden, der Rest danach. Insgesamt geht es um 710 Arbeitsplätze: 200 in Halle, 50 im Ausland und 460 in den eigenen Filialen.

Kurskorrektur dringend erforderlich

Angesichts schwächelnder Umsätze und einbrechender Gewinne ist Ralf Weber zufolge eine „Kurskorrektur dringend erforderlich, um das Ruder noch aus eigener Kraft herumreißen zu können.“ 103 Filialen, davon 75 Prozent im Inland, sollen geschlossen werden. Das wird Einsparungen in Höhe von bis zu 25 Millionen Euro bei den Personal- und Sachkosten bringen. „Wir haben das Netz zu schnell ausgebaut“, erklärte Weber. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der eigenen Verkaufsflächen auf beinahe 1000 nahezu verdreifacht.

„Wir haben Fehler gemacht“, bekannte der Vorstandschef am Freitag mehrfach. Die Ausweitung eigener Verkaufsflächen (Retail) habe sich als zu ambitioniert erwiesen, gleichzeitig sei der Handel (Wholesale) vernachlässigt worden, und parallel dazu seien Kundenströme in kleineren und mittleren Städte in dramatischem Ausmaß eingebrochen. Der immer stärker werdende Online-Handel wirbelt das stationäre Geschäft durcheinander, als erwartet. „Wir müssen auf das sich nachhaltig verändernde Einkaufs- und Kundenverhalten reagieren“, erklärte Ralf Weber und warb für sein Konsolidierungsprogramm „Fit4Growth“ (übersetzt: Fit für Wachstum) zur Neuausrichtung des Unternehmens.

Mode soll wertiger, jünger, emotionaler werden

Dafür soll das Segment Wholesale deutlich gestärkt, die Wertigkeit der Gerry-Weber-Mode erhöht, das Profil der einzelnen Marken gestärkt und der Onlinehandel modernisiert werden. Außerdem will Gerry Weber in den nächsten Monaten eine neue Marke für Frauen zwischen 20 und 40 Jahren einführen. Das Durchschnittsalter der heutigen Gerry-Weber-Kundin von knapp über 50 Jahren will der Vorstand gern etwas senken. Dabei soll der Pro-Kopf-Umsatz aber steigen - auch durch eine Anhebung der Preise. Die Markenauftritte sollen in Zukunft „emotionaler werden“. „Wir müssen Begehrlichkeiten wecken“, sagte Weber.

Ergebnis bricht ein: minus 27,2 Prozent

Das Unternehmen bestätigte im Rahmen seiner Bilanzpressekonferenz die bereits veröffentlichten vorläufigen Zahlen des abgelaufenen Geschäftsjahres 2014/15. Der Konzernumsatz der Gerry Weber International AG betrug für das abgelaufene Geschäftsjahr 2014/15 (1. November 2014 bis 31. Oktober 2015) 920,8 Millionen Euro (plus 8,1 Prozent), das operative Ergebnis (EBIT) 79,3 Millionen Euro (minus 27,2 Prozent). Vorstand und Aufsichtsrat wollen der kommenden Hauptversammlung eine Dividende von 0,40 Euro pro Aktie vorschlagen.

Die Einmalaufwendungen und Abschreibungen für den Umbau beziffert der Konzern auf rund 36 Millionen Euro im laufenden Geschäftsjahr, davon sind etwa sechs Millionen Euro für den Personalabbau veranschlagt worden. Vorstandschef Ralf Weber rechnet für das laufende Geschäftsjahr mit einem Umsatzrückgang auf 890 bis 920 Millionen Euro und einem drastischen Einbruch des Ebits auf 10 bis 20 Millionen. Binnen 18 bis 24 Monaten will er aber das Unternehmen durch die geplante Neuausrichtung zurück zu alter Stärke führen. An der Börse kamen die Nachrichten nicht gut an. Die Aktie verlor bis zum Nachmittag fast zehn Prozent.

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