30.04.2009 "Freie Presse"/Plauener Zeitung

Gutachter stellt fest: ENKA ist hochprofitabel

Betriebsrat will Firmenchefs mit Zahlen zum Umdenken bewegen — Werksschließung zum 30. Juni angekündigt

Elsterberg. Der Elsterberger Viskosehersteller Enka und dessen fränkischer Schwesterbetrieb in Obernburg haben beide eine Überlebenschance. Der Fortbestand sei am Ende billiger als die angekündigte Schließung des Standortes Elsterberg zum 3o. Juni, für die am Ende rund 7,3 Millionen Euro an Kosten anfallen würden. Dieses Ergebnis eines Gutachtens hat gestern Alexander Lottis bei einer Belegschaftsversammlung in Elsterberg vor allem an die Adresse des Enka-Geschäftsführung und die Eigner der Gruppe in Wuppertal beziehungsweise Frankfurt/M gerichtet.

Lottis, Chef der bundesweit agierenden Unternehmensberatung BR Consultants, belegte dabei mit Zahlen, was den Elsterbergern längst klar ist: Das vogtländische Werk ist hochprofitabel, hat allein in den vergangenen drei Jahren 15 Millionen Euro erwirtschaftet, die der Enka- Gruppe das Überleben sicherten. Das Gutachten wurde vom Betriebsrat in Auftrag gegeben und soll die Enka-Führung zum Umdenken bei ihren Schließungsplänen bewegen. Gestern wurde es zunächst Betriebsrat und Belegschaft vorgestellt. Heute sollte es dem Enka-Management präsentiert werden, der Termin ist allerdings kurzfristig von Enka abgesagt worden.

Lottis hat für beide Werke eine Produktion von jährlich 8000 Tonnen ausgerechnet — je zur Hälfte an den Standorten hergestellt. Dem vom Enka für die Schließung von Elsterberg stets vorgebrachten Argument, dass der Markt eine solch große Menge Viskoseide nicht mehr abnehmen könne, begegnete Lottis mit der Forderung, mehr für Vertrieb und Marketing zu tun. „Wo ist der Markt derzeit nicht schwierig? Waren aus Europa und Deutschland werden aber immer abgenommen", zeigte er sich optimistisch.

Gerald Voigt, Bezirksleiter Chemnitz-Dresden der Industriegewerkschaft Bergbau/Chemie/Energie, rief auf, weiter um den Erhalt des Elsterberger Werkes zu kämpfen und sich auch als Gesamtbelegschaft nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Aus seiner Sicht sei es gut möglich, dass die Enka-Eigner nach Elsterberg auch Obernburg schließen, lediglich die Marke erhalten und Kunstseide dann kostengünstiger in Asien produzieren.

Vorsichtig optimistisch zeigten sich gestern Belegschaftsmitglieder der. „Vielleicht lenkt die Enka-Spitze doch noch ein", sagte eine Mitarbeiterin, die nicht genannt sein wollte, während einer ihrer Kolle gen bereits eine Spaltung unter den rund 38o vom Aus bedrohten Mitarbeitern spürt: In jene, die noch auf eine Weiterführung der bereits vorfristig gestoppten Viskoseproduktion hoffen und jene, die sich an eine Umprofilierung klammern, wie sie Elsterbergs Werkleiter Christian Bartsch aus der Not heraus plant.

Welche Produkte künftig hergestellt werden könnten, will er erst Anfang Mai sagen. Nur so viel ist bekannt: Die Überlegungen gehen in Richtung technische Fasern, etwa für die Medizin. Derweil hat sich Sachsens Wirtschaftsmister Thomas Jurk (SPD) zu Wort gemeldet. Er wurde noch am Nachmittag vom Gutachten unterrichtet und fordert die Enka-Eigner auf, umzudenken und das Elsterberger Werk fortzuführen, weil betriebswirtschaftlich keine Gründe für eine Schließung vorlägen.

von Thomas Stranz